Die Feinheiten des Go: Ein Blick auf die Regelwerke der Welt

Large international Go tournament with hundreds of players seated at tables and playing Go simultaneously
Large international Go tournament with hundreds of players seated at tables and playing Go simultaneously

Wusstest du, dass es rund um den Globus jede Menge Go-Regelwerke gibt? Von einigen hast du bestimmt schon gehört: chinesische Regeln, japanische Regeln, vielleicht sogar die AGA-Regeln – aber könntest du auch sagen, worin sie sich unterscheiden? Und wie sie den Ausgang einer Partie verändern? 

In diesem Artikel nehme ich sechs der am weitesten verbreiteten Regelwerke unter die Lupe und zeige, worin sie sich unterscheiden. 

Außerdem stelle ich Gebiets- und Flächenwertung gegenüber, gehe auf ein paar Sonderfälle ein und zeige Beispiele aus Profipartien, in denen das gewählte Regelwerk das Ergebnis gekippt hat. 

Du bist neu im Go oder brauchst eine Auffrischung der Regeln? Dann wirf einen Blick in den Artikel Go spielen lernen: ein modernes Tutorial zu den Go-Regeln.

Gebietswertung oder Flächenwertung?

Bevor wir in die einzelnen Regelwerke einsteigen, klären wir kurz den Unterschied zwischen Gebiets- und Flächenwertung – ohne ihn lässt sich nicht verstehen, wie die Regelwerke funktionieren. Schau dir dazu das Video von Go Magic und die Tabelle unten an.

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GebietswertungFlächenwertung
Meist japanische Zählweise genanntOft chinesische Zählweise genannt
Gezählt werden die leeren Punkte im eigenen GebietJeder Stein auf dem Brett zählt für das Gesamtergebnis. 
Am Partieende wandern die Gefangenen ins Gebiet des Gegners und ziehen dort Punkte abGeschlagene Steine kommen zurück in die Schalen und werden nicht als Gefangene aufbewahrt
Die Gesamtpunktzahl ist die Summe aus eigenem Gebiet und GefangenenNeutrale Punkte (Dame) wirken sich auf das Ergebnis aus, denn für die Wertung zählt jeder Stein
Traditionell zählen leere Schnittpunkte im Seki nicht

Die Regelwerke

Der folgende Abschnitt vergleicht diese Regelwerke:

  • AGA
  • Japanisch
  • Chinesisch
  • Koreanisch
  • Ings SST
  • Neuseeländisch

AGA-Regeln

AGA Logo

Die AGA-Regeln werden von der American Go Association verwendet. Ihr Markenzeichen: Eine Partie nach AGA-Regeln soll immer dasselbe Ergebnis liefern – egal, ob nach Gebiets- oder nach Flächenwertung gezählt wird. 

Um die Partie zu beenden, gibt ein Spieler beim Passen seinem Gegner einen „Pass-Stein“, der als Gefangener zählt. Weiß muss zuletzt passen. 

Zählweise: Flächenwertung oder Gebiet minus Gefangene (Dank der AGA-Regelungen steht in beiden Fällen derselbe Sieger fest.)

Komi: 7,5

Punkteausgleich bei Vorgabe: Bei Flächenwertung erhält Weiß für jeden schwarzen Vorgabestein nach dem ersten einen zusätzlichen Ausgleichspunkt. (Sonst bekäme Schwarz für jeden Vorgabestein einen Punkt mehr.)

Selbstmord: Verboten

Superko: Wiederholungen sind ausdrücklich verboten.

Partieende: Zwei oder drei Pass-Züge hintereinander, wobei Weiß zuletzt passt. Für jedes Passen erhält der Gegner einen Gefangenen.

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen:  Nein

Entfernen der Steine: Tote Steine werden einvernehmlich bestimmt.

Japanische Regeln

Die japanischen Regeln stehen vor allem für die Gebietswertung. Zugleich gehören sie zu den am häufigsten unterrichteten Regelwerken und sind im Freizeitspiel vor Ort weit verbreitet. 

Zählweise: Gebiet minus Gefangene

Komi: 6,5

Punkteausgleich bei Vorgabe: Keiner

Selbstmord: Verboten

Superko: Erlaubt – allerdings muss eine Seite bereit sein, die Wiederholung zu durchbrechen, sonst endet die Partie ohne Ergebnis. 

Partieende: Zweimal Passen

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen: Ja, die Platzierungen müssen beide Spieler absprechen.

Entfernen der Steine: Der Status der Gruppen (Leben und Tod) richtet sich nach den japanischen Regeln; entsprechend werden die Steine vom Brett genommen. 

Chinesische Regeln

Chinese Weiqi Association

Die chinesischen Regeln stehen für die Flächenwertung: Jeder einzelne Stein, der am Ende auf dem Brett liegt, zählt für das Endergebnis. Auch die Chinese Weiqi Association zählt nach dieser Methode. 

Zählweise: Flächenwertung

Komi: 7,5 

Punkteausgleich bei Vorgabe: Weiß erhält für jeden schwarzen Vorgabestein einen zusätzlichen Ausgleichspunkt.

Selbstmord: Verboten

Superko: Wiederholungen sind ausdrücklich verboten.

Partieende: Zweimal Passen

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen: Nein

Entfernen der Steine: Tote Steine werden einvernehmlich bestimmt.

Koreanische Regeln

Korean baduk logo

Die koreanischen Regeln werden von der Korean Baduk Association verwendet. Für Superko-Situationen sind sie eindeutig: Solche Stellungen enden immer unentschieden oder ohne Ergebnis.  

Zählweise: Gebiet minus Gefangene

Komi: 6,5

Punkteausgleich bei Vorgabe: Keiner.

Selbstmord: Verboten

Superko:  Erlaubt – allerdings muss eine Seite bereit sein, die Wiederholung zu durchbrechen, sonst endet die Partie ohne Ergebnis. 

Partieende: Zweimal Passen

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen: Ja, die Platzierungen müssen beide Spieler absprechen.

Entfernen der Steine: Es gelten die besonderen koreanischen Regeln dafür

Ings SST-Regeln

Foto von Ing Chang-Ki – Quelle: www.anusha.com

Ing Chang-Ki, Mäzen und Förderer des Go, hat ein eigenes Regelwerk geschaffen – die Ing-Regeln. Dieses Regelwerk gilt als das komplizierteste in diesem Artikel, vor allem für Amateurpartien. Beide Spieler brauchen genau 180 Steine. Gezählt wird, indem jeder sein eigenes Gebiet mit Steinen auffüllt. 

Zählweise: Flächenwertung

Komi: 8

Punkteausgleich bei Vorgabe: Weiß erhält für jeden schwarzen Vorgabestein einen zusätzlichen Ausgleichspunkt.

Selbstmord:  Erlaubt

Superko:  Die SST-Ko-Sonderregel erzwingt, dass sich Stellungen nicht wiederholen

Partieende: Zweimal Passen

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen: Ja, abwechselnd gesetzt.

Entfernen der Steine: Tote Steine werden einvernehmlich bestimmt.

Neuseeländische Regeln

new zeland logo

Diese Regeln verwendet üblicherweise die New Zealand Go Society. Das Spannendste daran: Ein Spieler darf „Selbstmord“ begehen, also eigene Steine selbst schlagen. 

Zählweise: Flächenwertung

Komi: 7

Punkteausgleich bei Vorgabe: Keiner

Selbstmord: Erlaubt

Superko: Wiederholungen sind verboten

Partieende: Zweimal Passen. 

Dame-Punkte beim Entfernen der Steine auffüllen: Nein

Entfernen der Steine: Tote Steine werden einvernehmlich bestimmt.

Besondere Situationen

Es folgen besondere Situationen und Regeln, die im Lauf einer Go-Partie auftauchen können.  

Superko und die Ing-Ko-Sonderregel

Der Begriff Superko geht auf Ikeda Toshio zurück, einen früheren Amateurspieler, dessen zahlreiche Regelvorschläge im Lauf der Jahre größtenteils übernommen wurden. Er weitete die Wiederholung eines einzelnen Ko auf die Wiederholung der ganzen Brettstellung aus – also auch auf Dreifach-Ko, Vierfach-Ko, ewige Ko und zyklische Ko. Mit der Superko-Regel wollte er unentschiedene Partien abschaffen. 

Ewiges Leben

Ewiges Leben bezeichnet eine Situation, in der sich eine bestimmte Brettstellung endlos wiederholt. Die Superko-Regel und die Ing-Ko-Sonderregel sorgen dafür, dass es dazu gar nicht erst kommt. 

Gemeint ist die folgende Zugfolge: 

Sieh dir die Profipartie zwischen Uchida Shuhei und O Meien an, in der bei Zug 100 ewiges Leben entsteht. 

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Ein Video, das die Situation „Ewiges Leben“ erklärt

Dreifach-Ko 

Beim Dreifach-Ko laufen drei Ko gleichzeitig auf dem Brett – eine echte Ausnahmesituation. Nach koreanischen und japanischen Regeln ist das erlaubt, aber eine Seite muss bereit sein, die Schleife zu durchbrechen – sonst endet die Partie unentschieden oder ohne Ergebnis. Hier ein Beispiel aus der Praxis: eine Partie von 1975 zwischen Cho Chikun und Kato Masao, ab Zug 145. 

Gebogene Vier in der Ecke

Anders als die gewöhnliche gebogene Vier gilt die gebogene Vier in der Ecke normalerweise als tot. Nach japanischen Regeln ist die Form tot, solange das Ko nicht ausgespielt wird.

Beispiel für eine gebogene Vier in der Ecke

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Ein Video, das die gebogene Vier in der Ecke erklärt

Selbstmord

Selbstmord – also das Schlagen eigener Steine – ist in den meisten Regelwerken verboten, nach neuseeländischen und nach Ing-Regeln aber erlaubt. In einem Ko-Kampf kann ein solcher Zug sogar von Vorteil sein. Sieh dir das Diagramm unten an. 

In diesem Diagramm von Sensei’s Library schlägt Weiß mit 1 eigene Steine; Schwarz muss anschließend selbst auf Punkt 1 spielen, sonst kann Weiß die Gruppe töten. Hier sieht man gut, wie sehr die Selbstmordregel über den Ausgang einer Partie entscheiden kann. 

Selbstmord kann auch ein Semeai kippen. Schwarz liegt in diesem Semeai hinten – aber mit einem Zug auf A entsteht ein Seki. Sieh selbst, wie wertvoll es hier ist, eigene Steine zu schlagen.

Wenn du noch tiefer in die faszinierende Welt des Go eintauchen willst: Bei uns findest du den exklusiven Kurs The Magic of Go – Gesamtausgabe. Dieser umfassende Kurs nimmt kuriose Ko-Kämpfe, außergewöhnliche Tesuji, Regelstreitigkeiten und alle in diesem Text erwähnten Situationen ganz genau unter die Lupe.

Sonderfälle nach Regelwerk

RegelwerkDreifach-Ko, ewiges LebenPunkte im SekiGebogene Vier
AGAWiederholungen verbotenJaWird ausgespielt
JapanischSchleife brechen oder UnentschiedenNeinTot
ChinesischWiederholungen verboten; Unentschieden möglichJaWird ausgespielt
KoreanischUnentschieden / ohne ErgebnisNeinTot
Ings SST-RegelnKo verlangt Zug woandersJaWird ausgespielt
NeuseeländischWiederholungen verbotenJaWird ausgespielt

Echte Beispiele für Regelkonflikte 

Alle Regelwerke wollen den wahren Sieger einer Partie ermitteln – und trotzdem gibt es Fälle, in denen verschiedene Regelwerke zu verschiedenen Siegern kommen. Hier ein paar Beispiele, in denen Unklarheit über die Regeln das Ergebnis beeinflusst hat. 

Takagawa Kaku gegen Go Seigen (1959)

Takagawa und Go Seigen
Foto von Takagawa und Go Seigen, aus dem Wikipedia-Artikel „Go Seigen and Takagawa Kaku“

Ein faszinierendes Beispiel aus Fairbairns Buch ist die Partie von 1959 zwischen Go Seigen und Takagawa Kaku. 

Go Seigen war überzeugt, dass er im Zentrum keinen Auffüllzug spielen musste, weil sein Gegner nicht genug Ko-Drohungen hatte. Die damals geltenden Regeln des Nihon Ki-in verlangten diesen Zug jedoch. Go Seigen protestierte: Er sei kein Mitglied des Nihon Ki-in, und die Partie sei auch keine Veranstaltung des Verbands – also dürften dessen Regeln hier nicht greifen. Der Schiedsrichter entschied, dass der Auffüllzug nach den damaligen Nihon-Ki-in-Regeln nötig war – und so verlor Go Seigen um einen halben Punkt. 

Kobayashi Koichi gegen Ma Xiaochun (1993)

Diese Partie war die zweite in einem Wettkampf über drei Partien zwischen Kobayashi und Ma beim 6. Japan-China-Meijin-Playoff. Ma hatte Kobayashi schon im Meijin-Playoff des Vorjahres geschlagen und führte im Wettkampf von 1993 mit 1:0. 

Laut Ausgabe 70 der Zeitschrift „Go World“ führte Kobayashi in dieser Partie knapp und hatte seinen Sieg bereits ausgerechnet. Offen waren nur noch die Dame-Punkte und ein scheinbar belangloses Ko.  Als Ma unablässig um dieses Ko kämpfte, ärgerte sich Kobayashi – er empfand das als respektlos und sinnlos. Ma hielt dagegen: Nach chinesischen Regeln seien Ko und Dame sehr wohl wichtig für das Ergebnis. Kobayashi war vom hitzigen Ko-Schlagabtausch so durcheinander, dass er versehentlich zweimal hintereinander zog – nach chinesischen Regeln ein Grund für den sofortigen Partieverlust. Doch Ma wusste, dass er auf dem Brett verloren hatte, rief den Schiedsrichter nicht und nahm seine Niederlage an. 

Unten kannst du dir die Partie ansehen. Die entscheidende Zugfolge geht von Zug 245 bis 278. 

Huang Yizhong gegen Kim Kang-keun (2004) 

Regelwerke sind wichtig – wie wichtig, das erfuhren 2004 Huang Yizhong aus China und Kim Kang-keun aus Korea am eigenen Leib. 

In der berüchtigten Partie, die Sensei’s Library ausführlich dokumentiert, legte Huang versehentlich einen Gefangenen in die Schale seines Gegners. Nach chinesischen Regeln wäre das folgenlos geblieben – nach japanischen Regeln war es entscheidend. Am Ende entschied ein halber Punkt die Partie. 

Das Missgeschick sorgte für große Verwirrung – beiden Spielern war klar, dass mit dem Ergebnis etwas nicht stimmte. Huang rechnete nach chinesischen Regeln nach und stellte fest, dass tatsächlich ein Stein fehlte.  Die fragliche Stelle liegt vermutlich nach Zug 188; das wäre Huangs fünfter Gefangener gewesen.

Damit stand die Frage im Raum, wem der Sieg zustand. Kim fand, er habe seine Entscheidungen auf Grundlage der gemeinsam festgestellten Stellung getroffen; Huang hielt sich für den rechtmäßigen Sieger. 

Am Ende brachte der Druck der Medien Kim dazu, auf den Sieg zu verzichten. Es ging dabei um eine Vorrundenpartie vor dem Hauptturnier. 

Chen Yaoye gegen Iyama Yuta (2015)

In der Schlusspartie des 4. Super-Meijin-Turniers im chinesischen Xi’an jubelten die japanischen Fans: Iyama schien um einen halben Punkt gewonnen zu haben. Die Freude wich schnell der Verwirrung, als Chen zum Sieger erklärt wurde. Der Grund: Das internationale Turnier wurde nach chinesischen Regeln gespielt, und das Seki am rechten Rand zählte für Chens Punktzahl. (Nach japanischen Regeln zählen Punkte im Seki nicht.) 

Unten findest du die Partie – schau dir die Schlussstellung an, in der Iyama verlor. 

Es lohnt sich, die Feinheiten des Regelwerks in deinem Land oder deiner Region zu kennen, bevor du eine Partie beginnst. Die Beispiele zeigen: Selbst Profis verheddern sich immer wieder in unterschiedlichen Regelwerken. Go wird für seine weltweite Anziehungskraft und seine Einfachheit gerühmt – trotzdem stecken in den Regelwerken Details, die über den Ausgang einer Partie entscheiden können. Wie prägt das Regelwerk in deinem Land oder deiner Region dein Spiel, und welche Regeln magst du am liebsten? Schreib uns deine Gedanken und Erfahrungen in die Kommentare.

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