Lesen ist Macht: So verbesserst du deine Lesefähigkeit im Go


„Lesen“ nennen Go-Spieler das Vorausplanen von einem oder mehreren Zügen, während sie überlegen, wo sie als Nächstes spielen. In anderen Spielen heißt das „Rechnen“ oder ähnlich, doch der Vorgang ist überall derselbe: Du denkst voraus, überlegst dir, wie dein Gegner auf den einen oder anderen deiner Züge antwortet, und entscheidest auf dieser Grundlage, wo du spielst. Manche Spieler sagen sogar, Lesen sei die wichtigste Fähigkeit im Go überhaupt – dann sollte klar sein, dass sich die Arbeit daran lohnt. Wenn du auch nur ein oder zwei Züge weiter liest als dein Gegner, kann das zu vernichtenden Siegen führen. Schauen wir uns also an, wie wir unser Lesen im Go verbessern!
Hast du das Ko gesehen?
Bevor wir loslegen, möchte ich dir von einer Partie aus dem Wochenendturnier beim Europäischen Go-Kongress (EGC) 2024 in Toulouse erzählen. Die Partie war ungefähr ausgeglichen, aber ich hatte kaum noch Zeit und konnte weder sauber zählen noch das Endspiel schnell einschätzen. Im Kampf entschied ich mich fälschlicherweise für eine Alles-oder-nichts-Variante – in der Hoffnung, dass schon irgendetwas funktionieren und ich dabei etwas Zeit zurückgewinnen würde. In einer Situation ging es darum, ein paar Steine in einer Treppe zu fangen; die zeige ich dir gleich. In der vereinfachten Stellung siehst du zwei Treppen. Ich habe unter Zeitnot versucht, sie auszulesen und Treppenbrecher zu finden, die sie doch noch funktionieren lassen – am Ende habe ich die Idee verworfen. Stattdessen hoffte ich auf zwingende Züge und einen Angriff auf eine andere Gruppe. Das ging schief, und ich gab später auf. Nach der Partie fragte mich mein Gegner, ob ich das Ko gesehen hätte – auch das zeige ich dir unten.
In der Partie habe ich das Ko nicht gesehen – wir waren uns hinterher allerdings einig, dass es schlicht keine Ko-Drohung gab, die groß genug gewesen wäre, um dieses Ko zu gewinnen! Unter anderem deshalb will ich mein Lesen verbessern: um schnell zählen, sauber lesen und in Zeitnot bessere Entscheidungen treffen zu können – und ganz allgemein in jeder Phase der Partie.
Wie sieht Lesen eigentlich aus?
Immer wieder fragen Spieler, die besser werden wollen: „Wie sieht Lesen eigentlich aus?“ Was passiert, wenn du liest – was siehst du dabei? Die Steine, die Farben, die Varianten?
Vermutlich fällt die Antwort bei jedem anders aus, denn nicht jeder kann gleich gut visualisieren. Manche sehen Brett und Steine klar vor sich, zumindest in bestimmten Situationen wie bei Tsumego. Bei anderen ist Lesen eher so, als würde man verschwommene Marker auf dem Brett verteilen: hier ein schwarzer Stein, dort ein weißer – ohne dass daraus ein sauberes Bild der Steine wird. In der Stellung unten gibt es zum Beispiel ein Tesuji, mit dem sich die beiden schwarzen Steine fangen lassen. Für manche Spieler entsteht dabei kein klares Bild der Steine, sondern nur eine Art gedankliche Notiz: Dieser Zug war Weiß, der nächste Schwarz, und so weiter.
Wenn du dir die Farben vorstellen kannst, ist das nützlich – wenn nicht, reicht es völlig, dir zu merken, dass sich die Farben Zug für Zug abwechseln. Gerade bei zwingenden Folgen aus lauter Atari wie oben genügt das. Und wenn dir die Form oder die Taktik vertraut genug ist, ist auch das schon eine gute Abkürzung, statt die ganze Folge auszulesen.
Wie verbessere ich mein Lesen?
Wenn du die meisten starken Go-Spieler fragst, bekommst du vermutlich immer dieselbe Antwort: üben! Genauer gesagt werden sie dir raten, Tsumego (Leben und Tod) oder allgemeinere Go-Aufgaben zu lösen – das fordert deine Lesefähigkeit ganz sicher heraus und bringt dir jede Menge neuer Taktiken bei, die du in deinen Partien einsetzen kannst.
An diesem Rat ist grundsätzlich nichts falsch. Aber wenn du Tsumego nicht magst oder schon viel übst, ohne dass dein Lesen so vorankommt, wie du es dir wünschst, dann gibt es vielleicht Gezielteres, mit dem du deine Schwachstellen findest und angehst. Zerlegen wir das Lesen im Go also in seine wichtigsten Bestandteile – und schauen wir, wie du jeden davon mit eigenen Übungen verbessern kannst.
Visualisierung
Bei einem Brettspiel wie Go spielt Visualisierung natürlich eine große Rolle. Je mehr Steine du dir klar auf dem Brett vorstellen kannst, desto besser ahnst du die Züge und Absichten deines Gegners voraus. Und das hilft dir wiederum bei der Entscheidung, ob dir das Ergebnis einer Folge gefällt, ob ein Tenuki (woanders spielen) in Ordnung ist oder ob du breiter und tiefer weiterlesen musst.
Um deine Visualisierung zu trainieren, gibt es einiges, was du tun kannst. Wie bei jeder anderen Übung bringt dich vor allem Wiederholung weiter. Du kannst dabei gezielt mit Go arbeiten, mit anderen Brettspielen oder ganz allgemein damit, dir Gegenstände klarer vorzustellen – bleiben wir hier aber bei Übungen rund ums Go, die sind ja unmittelbar einschlägig!
Wenn du gerade erst anfängst, hilft es, dir einfache Formen auf dem Brett vorzustellen – entweder mit abgewandtem Blick oder mit geschlossenen Augen. Klappt das, nimm im nächsten Schritt nicht nur die Steine dazu, sondern auch den leeren Raum um sie herum: Der ist im Go wichtig, um Freiheiten und das Schlagen von Steinen vor Augen zu haben.
Blind-Tsumego
Sobald du dir einfache Formen und die Freiheiten von Steinen vorstellen kannst, kannst du an „blinden“ Tsumego arbeiten, wenn du deine Visualisierung schulen willst. Die müssen gar nicht kompliziert sein – wenn du es nicht gewohnt bist, sollten sie sogar deutlich leichter ausfallen als deine üblichen Tsumego. Der Ablauf sieht so aus:
- Schau dir die Ausgangsstellung der Aufgabe genau an und beginne, dir die Formen einzuprägen.
- Bau dir ein Bild der Steine im Kopf auf, sieh dann weg oder schließ die Augen – und halte die Aufgabe dabei im Kopf fest.
- Wenn dir das Bild zwischendurch verloren geht, stell es im Kopf wieder her – und wenn das nicht klappt, schau einfach wieder aufs Brett, bis du es erneut vor dir hast.
- Löse das Tsumego, ohne aufs Brett zu schauen.
- Spiel im Kopf so viele Züge der Lösung durch, wie du schaffst – bis zum Ende der Variante.
Hier sind ein paar kürzere Aufgaben zum Vorstellen – und wenn dir das zu leicht ist, nimmst du natürlich einfach eigene!
Sei dabei nicht zu streng mit dir: Jede Übung und jeder kleine Fortschritt zählt! Wenn du Tsumego mit Blick aufs Brett locker löst, dir die Stellung ohne Brett aber kaum vorstellen kannst, ist genau diese Übung das Richtige für deine Visualisierung!
One Color Go
Etwas anderes passiert im Go ebenfalls ständig: Nach ein paar gelesenen Zügen weißt du nicht mehr genau, welche Steine auf dem Brett standen oder welche Farbe ein Stein an dieser Stelle hatte. Typisch ist, dass du einen Teil einer Folge liest, dich dann fragst, wie viele Freiheiten eine Gruppe eigentlich hat – und noch einmal von vorn anfangen musst, um es herauszufinden!
Beim One Color Go spielen beide Spieler mit derselben Farbe, zum Beispiel Weiß, und müssen sich merken, welche Steine ihnen gehören! Das klingt erst einmal ziemlich kompliziert, aber wenn du schon eine Weile Go spielst, überraschst du dich vielleicht selbst damit, wie viel du dir merken kannst!
Wenn du doch einmal nicht mehr weißt, welche Steine Schwarz sind und welche die echten weißen, hilft es, im Kopf die Folge nachzuspielen, in der diese Steine gesetzt wurden – so findest du heraus, welcher Stein welche Farbe hat. Das ist genau dasselbe wie Lesen, nur mit dem Schwerpunkt auf den Farben. Wenn dir das schwerfällt, ist diese Übung genau richtig für dich!
Am einfachsten spielst du One Color Go, indem du zum Beispiel einen Computergegner auf OGS zu einer 9×9-Partie herausforderst. Spiel ungewertet, dann musst du dir um Sieg oder Niederlage keine Gedanken machen – und den Computer stört es auch nicht, wenn du zwischendurch aufgibst oder doch nicht die ganze Partie über einfarbig spielst. Du entscheidest! Auf OGS kannst du außerdem die Steinfarben anpassen und sogar für Schwarz und Weiß dieselbe Farbe wählen. Unten siehst du, wie das geht:

Wenn du oben rechts auf dem Bildschirm mit der Maus über deinen Benutzernamen bzw. dein Symbol fährst oder darauf tippst, tauchen die Optionen für die Steine auf. Über „More options“ kannst du für beide Farben eigene Farbtöne oder sogar eigene Bilder wählen! Inzwischen steckt diese Anpassung in den Einstellungen, wo du auch diverse andere Dinge ändern kannst.
Freiheiten zählen
Beim Lesen von Varianten musst du nicht nur im Blick behalten, welche Steine gesetzt wurden, sondern auch, wie viele Freiheiten jede beteiligte Gruppe noch hat. Viele Taktiken im Go beruhen auf Freiheitsmangel – und den beim Lesen zu erkennen, ist enorm wichtig.
Wenn dir die Freiheiten in der Partie regelmäßig durchrutschen, probier eine ganz bestimmte Sorte Go-Aufgaben aus: Damezumari (ダメヅマリ) – Aufgaben zum Freiheitsmangel. Sie zwingen dich dazu, Freiheiten zu visualisieren und mitzuzählen: um Gruppen zu fangen oder zu verbinden und um Gruppen über den Freiheitsmangel leben zu lassen oder zu töten! Auch viele Tesuji-Aufgaben drehen sich um Freiheitsmangel: Steine, die im Netz oder in einer lockeren Treppe hängen, kommen nicht mehr heraus, wenn ihnen die Freiheiten ausgehen. Und etliche Tsumego-Techniken beruhen ebenfalls darauf.
Manchmal findest du Bücher und Aufgabensammlungen, die sich ganz dem Freiheitsmangel widmen, manchmal musst du selbst die Augen offen halten. Anzufangen lohnt sich immer – frag dich beim Lesen:
- Wie viele Freiheiten hat diese Gruppe?
- Habe ich mit diesem Zug die Freiheiten einer Gruppe vermehrt oder verringert?
- Wie viele Züge brauche ich, um diese Gruppe zu fangen? (Manchmal ist eine Freiheit mehr als nur der leere Schnittpunkt neben der Gruppe.)
Hier sind ein paar Beispielaufgaben – findest du, wo der Freiheitsmangel auftaucht?
Abkürzungen beim Lesen
Beim Üben zu Hause kannst du dir für jede Variante so viel Zeit nehmen, wie du willst – in einer echten Partie mit Uhr ist die Zeit dagegen knapp. Wer schnell und trotzdem sauber liest, ist klar im Vorteil. Hier ein paar Abkürzungen, die dir dabei helfen – und hoffentlich auch dabei, deine eigenen zu entwickeln. Aber Vorsicht: Abkürzungen machen dich zwar schneller, eine falsche Annahme kann aber ins Desaster führen. Die allgemeine Regel lautet deshalb: „Im Zweifel: erst zu Ende lesen!“
Treppen
Treppen kommen in Go-Partien ständig vor – und gehören zugleich zu den längsten Folgen, die du auslesen musst. Im Prinzip sind sie recht einfach, weil jeder Zug ein Atari ist. Aber wie wir im Abschnitt „Hast du das Ko gesehen?“ gesehen haben, halten sie manchmal unerwartete Überraschungen bereit. Trotzdem gibt es ein paar Abkürzungen fürs Lesen von Treppen:
- Diagonal lesen: Wenn dir das Zickzackmuster der Treppe vertraut ist, musst du nicht mehr jeden einzelnen Stein beider Farben vor dir sehen. Oft reicht es, der Diagonalen der gejagten Steine zu folgen und zu schauen, wo sie endet. Prüf dabei, ob die Diagonale auf einen anderen Stein trifft, dicht an einem Stein vorbeiläuft oder geradewegs an den Rand des Bretts führt. Übung macht den Meister!
- Manchmal kannst du dir auch vorstellen, mögliche Treppenbrecher näher an den Anfang der Treppe zu schieben. Einen Stein auf dem Eck-Sternpunkt (Hoshi) etwa schiebst du gedanklich diagonal bis auf Tengen, den Mittelpunkt des Bretts – jede Treppe, die in Tengen läuft, läuft auch in den Hoshi-Stein. Probier es selbst aus!
Funktioniert die Treppe in der ersten Aufgabe für Schwarz? In der zweiten Aufgabe haben wir den Stein vom Sternpunkt auf Tengen gesetzt und die Abstände der nahen schwarzen und weißen Steine zueinander beibehalten (jeweils Rösselsprünge). Funktioniert die Treppe hier für Schwarz?
In der vorigen Aufgabe kannst du ebenfalls diagonal lesen, um zu prüfen, ob die Treppe funktioniert. Man sieht: Der weiße Stein läuft in den schwarzen Stein auf dem Sternpunkt hinein. Aufpassen musst du trotzdem – der weiße Stein in der Nähe darf die Treppe kurz vor Schluss nicht doch noch brechen.
Zugfolgen, vitale Punkte und Schlüsselsteine
Manchmal merkst du beim Lesen, dass zwei Varianten zu exakt derselben Stellung führen – nur die Zugfolge ist eine andere. Wenn du einmal entschieden hast, ob diese Stellung für Weiß oder für Schwarz gut ist, brauchst du dir nur das zu merken: Landet dein Lesen wieder dort, hörst du an dieser Stelle auf. Entweder du spielst gern so, falls dein Gegner die Variante wählt, oder einer von euch beiden geht ihr aus dem Weg – es sei denn, jemand macht einen Fehler.
Genauso funktioniert es mit einem „vitalen Punkt“ oder einem Zug, der auf mehrere Versuchszüge die passende Antwort ist – wie oft im Tsumego. Merk dir einfach: Spielt mein Gegner hier oder hier oder hier … dann spiele ich immer diesen einen Zug, den vitalen Punkt. Sobald dir die Fortsetzung ab da gefällt, kannst du das Lesen abbrechen. Vielleicht lebt oder stirbt die Gruppe nach dem vitalen Punkt, vielleicht fallen Schlüsselsteine – so oder so wird dein Lesen kürzer.
Was „Schlüsselsteine“ sind, fragst du dich? Alle Go-Steine sehen zwar gleich aus, aber nicht jeder Stein auf dem Brett ist gleich wichtig – weder im Moment des Setzens noch später in der Partie. Wenn du beim Auslesen einer Folge erkennst, welche Steine du oder dein Gegner auf keinen Fall verlieren dürfen, sparst du dir in Stellungen mit vielen Möglichkeiten viel Lesearbeit. Droht dein Zug, ein paar Schlüsselsteine zu fangen, oder fängt er sie sogar ganz, kannst du diese Züge einfach lesen oder spielen und damit manche Variante deutlich vereinfachen.
In einer meiner letzten Turnierpartien stand ich zum Beispiel vor dem weißen Schnitt auf G7.
In dieser Stellung habe ich G5 und G6 als „Schlüsselsteine“ ausgemacht – Steine, die ich nicht einfach so verlieren darf. Es sind „Schnittsteine“, die Weiß in drei Gruppen trennen; lasse ich Weiß sie fangen, vereinfacht das die Stellung deutlich zugunsten von Weiß. In den folgenden Varianten gilt deshalb: Stehen diese Steine im Atari, muss ich antworten – spielt Weiß F7, muss ich über F6 oder E5 nachdenken, um sie zu retten. Solche Überlegungen verkleinern die Zahl der Varianten, die du überhaupt betrachten musst, und lenken deinen Blick auf die Folgen, die du wirklich auslesen und am Ende wählen solltest.
Je stärker du wirst, desto öfter musst du allerdings entscheiden, welche dieser „zwingenden“ Züge du dir aufhebst – oder welcher Weg der beste ist, wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, die Schlüsselsteine zu fangen. Trotzdem: Zwingende Folgen sind meist am leichtesten zu berechnen, und wenn sie für dich funktionieren, wird dein Lesen einfacher!
Gedächtnis und Konzentration
Vielleicht merkst du auch, dass es hilft, beim Lesen eine „Geschichte“ zu erzählen – so bleiben die Variante und ihr Ergebnis besser hängen. Manche Spieler geben den Zügen beim Lesen eine Bedeutung oder arbeiten mit Stichwörtern und kleinen Techniken, um den Überblick zu behalten. Da hörst du dann jemanden eine Folge durchgehen: „Ich setze ins Atari, du streckst, ich blocke, du spielst Hane, ich auch …“ – eine Art Erzählung, die die Folge greifbar macht. Oder so: „Ich strecke hier, um Freiheiten zu bekommen, dann musst du blocken, dann komme ich zurück und nehme hier drüben eine Freiheit weg, und dieser Zug ist in dieser Stellung ein Tesuji …“ Solche kurzen Geschichten helfen dir, dich durch kompliziertere Situationen zu denken, gelesene Folgen im Kopf zu behalten und sie schnell noch einmal durchzugehen, wenn du sie überprüfen willst.
Ähnlich funktionieren die Angewohnheiten, die manche Spieler beim Lesen entwickeln. Zum Beispiel:
- eine Art Erzählung, um sich durch die Varianten zu arbeiten
- ein leichtes Wippen oder Tippen mit dem Finger, um die Züge im Kopf durchzugehen
- ein leises Geräusch wie „tak, tak“, „hier, da“, „dies, das“ und so weiter – ebenfalls, um die Züge im Kopf zu sortieren.
Das gilt nicht nur fürs Lesen – dieselben Marotten siehst du auch, wenn Spieler zählen oder die Punkte auf dem Brett schätzen. Warum jemand das tut, lässt sich natürlich nicht pauschal sagen, aber nach meiner eigenen Erfahrung hilft es bei der Konzentration. Wenn ich mich auf eine Folge konzentrieren muss, die tiefes Lesen verlangt, greife ich selbst zu solchen Techniken: Varianten sortieren, Züge Schritt für Schritt durchgehen und den Lärm um mich herum ausblenden – Uhren, andere Spieler.
Im Club und beim Turnier solltest du dabei natürlich Rücksicht auf die anderen nehmen. Wer zählt wie Graf Zahl aus der Sesamstraße („eins, zwei, drei Freiheiten, ah ah ah“) oder laut mit den Steinen klappert, geht seinen Nachbarn schnell auf die Nerven.
So weit die Ideen – aber wie übst du sie und wirst darin besser?
- Für Treppen gibt es natürlich Treppen-Aufgaben!
- Löse Tsumego: Je schwerer die Aufgabe, desto mehr erste Züge musst du durchsortieren – und desto häufiger gehen verschiedene Stellungen ineinander über, sobald die beste Antwort gespielt wird.
- Wenn du das Merken von Folgen mit der „Geschichten“-Technik üben willst, präge dir ganze Partien ein – kleine 9×9-Partien oder die ersten X Züge deiner Lieblings-Profipartien. Du wirst merken: Geschichten und Bedeutungen machen die Züge viel leichter merkbar! Die Bedeutung kann der Grund für deinen eigenen Zug sein, deine Vermutung darüber, was dein Gegner mit einem Zug oder einer Folge vorhatte, oder auch einfach eine Vermutung darüber, was der Profi oder der starke Spieler da gerade vorhat (sie muss gar nicht stimmen!).
Züge mit Bedeutung zu versehen und Partien auswendig zu lernen, zahlt sich noch anders aus: Du bekommst die ersten X Züge einer gerade gespielten Partie zusammen und kannst sie hinterher mit deinem Gegner, einem stärkeren Spieler oder deinem Lehrer analysieren!
Formen merken
Wenn du schon eine Weile Go spielst, hast du bestimmt schon gehört: „Das ist der Formzug“ oder „Das ist der vitale Punkt dieser Form“. Weiter oben ging es darum im Zusammenhang mit Tsumego, aber vitale Punkte von Formen gibt es überall auf dem Brett. Je mehr du spielst, desto öfter fallen dir bestimmte Muster auf, die immer wieder auftauchen – in den Ecken, am Rand und in der Mitte. Wenn du anfängst, dir besondere Formen zu merken – gute und schlechte Formen, einfache Tsumego-Formen, die du gelöst hast, und Formen mit einem Tesuji (einem taktischen Kniff) darin –, wird dein Lesen deutlich schneller.
Du hast zum Beispiel bestimmt schon gehört, dass manche benannten Tsumego-Formen so häufig vorkommen, dass man sie einfach auswendig können sollte – etwa die L-Form oben links im Diagramm. Genauso heißt es, O14 sei der Formpunkt der vier schwarzen Steine am rechten Rand: ein Zug, den beide Seiten im Blick haben sollten.
Wenn du dein Gedächtnis für Formen schulen willst, achte beim Lösen von Tsumego, Tesuji-Aufgaben und Aufgaben zum Verbinden und Schneiden darauf, welche Steine die Varianten überhaupt erst funktionieren lassen. Anders gesagt: Welche Steine dürfen nicht fehlen, damit die Hauptvarianten der Lösung noch aufgehen? So erkennst du die Schlüsselsteine einer Form und blendest die Steine aus, die vor allem dazu da sind, die Aufgabe sauber abzurunden (die kannst du dir in einer anderen Übung vornehmen!). Falls du dich mit „Form“ noch nie beschäftigt hast: Löse Aufgaben, lies Bücher und Artikel und schau dir Videolektionen über „gute“ und „schlechte“ Formen im Go an, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie benachbarte Steine zueinander stehen. Das füllt locker einen eigenen Artikel – schreib in die Kommentare, wenn du den lesen möchtest!
Zum Schluss noch eine Idee zum Ausprobieren: Nimm dir zum Beispiel eine 9×9-Partie in verschiedenen Phasen vor – in der Eröffnung, im Mittelspiel oder im Endspiel – und versuche, die Stellung an dieser Stelle aus dem Gedächtnis nachzubauen. Ich mache das in meinem eigenen Unterricht, und es ist etwas ganz anderes, als eine Partie einfach auswendig zu lernen: Wie die Steine dorthin gekommen sind, ist egal – du willst nur wissen, welche Steine dort stehen! Eine praktische Abkürzung dafür sind vertraute Go-Formen. Frag dich: Stand da ein Stein auf dem 2-2-Punkt? War ein Stein daneben ein Kosumi (Diagonalzug) oder einen Rösselsprung entfernt? Lagen zwei oder drei Steine in einer Reihe? Gab es einen Kreuzschnitt? So trainierst du ganz nebenbei dein Gedächtnis für Go-Formen – und erkennst die Formen wieder, die in deinen eigenen Partien und denen anderer immer wieder auftauchen!
Neue Ideen
Was das Lesen ganz besonders erschwert: Man kommt auf einen Zug oder eine Idee schlicht nicht – oder versteht sie nicht. Erinnerst du dich an das erste Tesuji, bei dem du dachtest, darauf wärst du in einer Partie nie im Leben gekommen?
Für mich hält Go unendlich viele neue Ideen bereit: Immer wenn ich denke, ich hätte schon einiges über das Spiel gelernt, überrascht mich etwas Neues – in einer Variante, einem Buch, einem Video, einer Aufgabe. Und genau so stößt auch du auf neue Ideen: Spiel Partien und lass sie dir von deinem Gegner zeigen, mach Kurse oder löse Aufgaben hier auf Go Magic oder anderswo, lies Bücher, schau Videos und Streams – die Liste ist lang.
Material für dein eigenes Niveau ist wahrscheinlich der beste Weg zu Ideen, die auch wirklich in deinen Partien vorkommen. Trotzdem gibt dir fast jeder Go-Inhalt etwas Neues zum Nachdenken mit. Oder er motiviert dich, endlich das anzugehen, was du seit Ewigkeiten vor dir herschiebst: dieses eine Joseki, das du dauernd vergisst, oder die Tsumego-Form, die dir immer wieder Ärger macht und die angeblich jeder auswendig können muss!
Die Einschätzung verbessern
Eine letzte Idee ist die Einschätzung der Stellung. Sie ergänzt das Lesen und hilft dir bei Entscheidungen, auch wenn du sie vielleicht nicht als „Lesen“ im engeren Sinne betrachtest. Jedes Mal, wenn du eine Folge ausgelesen hast, musst du dich am Ende fragen: „Für wen ist das gut?“ oder „Ist das ungefähr ausgeglichen, ein faires Ergebnis?“ – nur so entscheidest du, ob die Folge einen Versuch wert ist. Ärgerlich wird es, wenn du lange liest und dein Gegner dann einfach Tenuki spielt oder einen vereinfachenden Zug findet, der einen Großteil deiner Lesearbeit zunichtemacht.
Entscheidungen zu treffen und Stellungen einzuschätzen, ist wichtig – und etwas schwerer zu trainieren. Dafür hilft es dir bei Fragen wie diesen: Welche Steine sind wichtig? Lohnt es sich, das Sente zu behalten, um woanders zu spielen? Wer liegt vorn? Ist der Kampf hier gut für die eine oder die andere Seite? Muss ich hier eindringen, oder reicht eine Reduktion zum Sieg?
Wenn du deine Einschätzung verbessern willst, kannst du sie zum Beispiel so trainieren:
- Deine Partien analysieren – allein, mit KI oder mit stärkeren Spielern,
- Kommentare von starken Spielern oder Profis anschauen,
- Aufgaben zum ganzen Brett lösen,
- Das Zählen in Eröffnung, Mittel- und Endspiel üben
Und jetzt?
Bereit, dein Lesen zu verbessern? Schau dir den Skilltree von Go Magic an – dort findest du jede Menge Aufgaben, die genau das trainieren. Es gibt Tsumego, Tesuji- und Endspiel-Aufgaben, Visualisierungsaufgaben, die die gespielten Steine ausblenden oder bei denen du dich ganz ohne einen einzigen Stein entscheiden musst, und natürlich Aufgaben zur Einschätzung des ganzen Bretts! Wirf außerdem einen Blick auf unser großes Kursangebot mit Videolektionen und Aufgaben, mit denen du deine neuen Fähigkeiten gleich testen kannst!
Several useful and interesting concepts- first action I am going to take is reread to help it sink in.
Excelente artículo! Que se venga pronto Go Shape Nivel 2! :))
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Excelente contenido para mejorar las jugadas en go Agradecida.
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